Mehrheit der Patienten älter als 65 Jahre
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Altern wird in unseren Tagen zum ersten Mal zu Massenphänomen. Viele der heute unter Fünfzigjährigen Psychiater werden erleben, was heute schon in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern üblich ist: Die Mehrheit der Patienten ist älter als 65 Jahren.
Ein Beitrag in der Fachzeitschrift »Psychiatrische Praxis« (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2007) prophezeit, dass dies auch in anderen Regionen Deutschlands psychiatrischer Alltag werden wird. Spätestens zu diesem nicht mehr fernen Zeitpunkt wird sich die Argumentation über das Pro und Kontra einer separierten psychiatrischen Versorgung umkehren. Dann nämlich dürften Stimmen immer lauter werden, die Schutz- und Rückzugsräume für jüngere psychisch Kranke reklamieren, da man denen die gerontopsychiatrisch geprägte Umgebung integriert arbeitender Stationen nicht mehr zumuten könne. Die Zahl der psychisch kranken Älteren wird auch ohne Einbezug der Demenzkranken in den nächsten 30 Jahren um fast das Dreifache zunehmen. Zwar ist in psychiatrischen Kliniken und Abteilungen eine Abnahme des Anteils älterer Patienten zu verzeichnen, was wohl darauf zurückzuführen sein dürfte, dass viele alte psychisch Kranke direkt von der Häuslichkeit ohne kompetente Intervention eines Facharztes direkt ins Heim transferiert werden.
Angesichts des Rückganges der Beitragszahler bei steigendem finanziellem Bedarf für zusätzliche medizinische Technologien nimmt der Kostendruck auf das Gesundheitssystem unzweifelbar zu. Um die Allokation vorhandener Ressourcen konkurrieren nicht nur Autobahnen mit »Universitäten«, sondern auch stationärer und ambulanter Bereich, und selbst auf der Ebene der Krankheiten findet ein Wettbewerb um knappe Ressourcen und öffentliche Gunst statt. Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass zukünftig auch bei uns nicht mehr alle medizinisch angezeigten Maßnahmen für alle finanziert werden können, also eine Rationierung medizinischer Leistungen ins Auge gefasst wird.
Da ist es tröstlich zu wissen, dass im Vierten Altenbericht der Bundesregierung unterstrichen wird, alle Lebensphasen seien ethisch gleichrangig, was eine Abwertung des Alters und der Hochaltrigkeit ausschließt. Demgegenüber stellte sich bei Telefoninterviews heraus, dass die deutsche Bevölkerung Rationierungen von Gesundheitskosten eher bei psychiatrischen als bei somatischen Erkrankungen akzeptiert, wobei die Alkoholkrankheit besonders wenig öffentliche Akzeptanz genießt. Bemerkenswert ist aber, dass die Alzheimerkrankheit bei der Frage, welche Krankheiten bei einer möglicherweise notwendig werdenden Rationierung ausgenommen werden sollten, als einzige psychiatrische Erkrankung besser abschneidet als Rheumatismus und Diabetes und nur wenig schlechter als AIDS.
H. Gutzmann:
Gerontopsychiatrie: vom Rand ins Zentrum.
Psychiatrische Praxis 2007; 34 (3) : S. 105-107

