CA-MRSA – Rasch handeln, um Leben zu retten
Wenn kleinste Hautverletzungen zur tödlichen Gefahr werden
fzm – Furunkel im Gesichtsbereich, ein kleiner Abszess am Oberschenkel, mückenstichartige Verletzungen oder Schwellungen der Haut ohne erkennbare Ursache sind nicht gleich ein Grund, einen Arzt aufzusuchen. Meist heilen die Infektionen innerhalb weniger Tage von selbst ab. Das könnte sich jedoch ändern, wenn bestimmte Krankheitserreger, die in den USA und anderen Ländern verbreitet sind, vermehrt auch in Deutschland auftreten sollten. In der Fachzeitschrift »Krankenhaushygiene up2date« (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2008) warnen Experten vor »CA-MRSA« – Bakterien, die gegen die meisten Antibiotika resistent sind und innerhalb weniger Tage zum Tode führen können.
Viele Jahre wurden MRSA nur in Kliniken beobachtet. Die Abkürzung steht für Methicillin-resistente Staphylococcus aureus. Staphylococcus aureus ist ein Sammelbegriff für etwa 300 verschiedene Bakterien, von denen die meisten harmlos sind, erläutert Privatdozent Hans-Jörg Linde von der Universität Regensburg.
Bei vielen Menschen findet man sie auf der Haut oder auch in der Nasenschleimhaut. Einige Stämme verfügen jedoch über gefährliche Waffen wie das PVL-Toxin (Panton-Valentine-Leukocidin). Es macht Hautinfektionen zu einem lebensgefährlichen Risiko. Auch diese Keime waren kein Problem, solange die Ärzte über wirksame Antibiotika verfügten. Doch durch den häufigen Einsatz vor allem auf Intensivstationen haben viele Mittel ihre Wirksamkeit eingebüßt, so dass auch moderne Antibiotika wie Methicillin versagen. Die Ärzte müssen auf Reservemittel zurückgreifen, die nicht immer wirken und häufig schlecht verträglich sind.
Seit einigen Jahren treten MRSA auch außerhalb der Kliniken auf. Diese »community-associated« oder CA-MRSA sind auf der ganzen Welt verbreitet, berichtet Dr. Linde. Er nennt Beispiele aus Uruguay, Australien, Griechenland und den USA. Dort werden sie seit einigen Jahren immer öfter nachgewiesen. »In den USA sind CA-MRSA heute die häufigsten Erreger von schweren Haut- und Weichteilinfektionen«, sagt Dr. Linde. In Deutschland seien sie noch selten, eine Dunkelziffer sei jedoch nicht auszuschließen. Bei Hautinfektionen werde in Deutschland meist kein Erregernachweis geführt und wenn, dann liege der Anteil der Staphylococcus aureus, die das PVL-Toxin bilden, noch bei etwa drei Prozent. Fast immer sind es im Krankenhaus erworbene MRSA und keine CA-MRSA.
Doch die Globalisierung macht nach Einschätzung von Experten eine Ausbreitung der CA-MRSA nach Deutschland unvermeidlich. Dr. Linde, dessen Labor die Herkunft der MRSA anhand ihrer Gene bestimmen kann, hat bereits US-Stämme isoliert. Sie sind über das US-Militär oder USA-Reisende nach Deutschland gekommen, vermutet er. Erkranken kann auch, wer vorher kerngesund war. Gefährdet sind laut Dr. Linde Menschen, die auf engem Raum zusammenleben, beispielsweise Rekruten oder Schulklassen. Die Übertragung erfolgt durch körperlichen Kontakt, etwa bei Sportarten wie Ringen, Fechten oder Fußball. Auch beim Sex könne man sich anstecken, sagt Dr. Linde. Besonders gefährdet seien ebenso Randgruppen wie Obdachlose, Gefängnisinsassen und Drogenabhängige.
Die Eintrittspforte ist häufig sehr klein, berichtet Dr. Linde: sie kann aussehen wie ein Insektenstich und häufig seien gar keine Verletzungen erkennbar. Die Infektionen scheinen dann aus der Tiefe zu kommen. Wenn sie durch CA-MRSA verursacht werden, kann rasches Handeln lebensrettend sein. Wichtigste Sofortmaßnahme ist laut Dr. Linde eine Wunddrainage: Der Arzt muss den Abszess öffnen und den Eiter abfließen lassen. Hinzu kommt eine »kalkulierte« antibiotische Therapie: Dabei wählt der Arzt aus seiner Erfahrung eines oder mehrere Antibiotika. Irrt er sich, können sich die Infektionen rasch in die Tiefe ausdehnen.
Besonders gefürchtet sind laut Dr. Linde so genannte nekrotisierende Infektionen, bei denen rasch Haut- und Weichteile absterben. Auch bei gesunden Menschen kann es innerhalb weniger Tage zu einer lebensgefährlichen Krise kommen, warnt der Experte. Diese Fälle seien aber zum Glück sehr selten. Bisher, fügt er warnend hinzu.
H.-J. Linde, N. Lehn:
Community-associated MRSA: Klinik, Therapie, HygieneKrankenhaushygiene up2date 2008; 3 (1): S. 29-44

