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Stammzellen: Briten liberalisieren Gesetze

Dieser Artikel wurde am 22. Mai 2008, 16:39 von François G. erstellt, und 490 Mal gelesen. | Kategorie: TOP-NEWS
blastocyst
Blastozyste – Gefragt in der Stammzellforschung

Das britische Unterhaus hat nach heftiger Debatte zwei (ge)wichtige Entscheidungen hinsichtlich der Zukunft der Stammzellenforschung in Großbritannien getroffen…:
1. Künftig dürfen Embryonen (bzw. richtiger deren Vorstufe – sog. Blastozysten) aus menschlichem Erbgut und Eizellen von Tieren für die Stammzellenforschung hergestellt werden und daraus sogenannte Chimären-Stammzellen gewonnen werden.
2. Eltern mit einem kranken Kind dürfen mit Hilfe künstlicher Befruchtung ein Geschwisterkind zeugen, das genetisch zum ersten Kind passt und so Gewebe oder Organe spenden kann.

Zusammen mit Schweden besitzt England nun europaweit gesehen die liberalste Gesetzgebung in der Stammzellenforschung.

Chinesische Wissenschaftler waren 2003 die ersten, die an der Universität Schanghai Kaninchenembryonen mit menschlichem Erbgut hergestellt haben. Im nordenglischen Newcastle haben Forscher erst vor kurzem mit einer Sondergenehmigung eine sogenannte Chimäre (vielmehr lediglich eine Blastozyste – 3 Tage alt) erzeugt.

Der Veröffentlichung o. g. britischen Unterhausbeschlüsse folgte zwangsläufig ein großes Rauschen, vornehmlich im europäischen Blätterwald: Neben Akzeptanz und moderater Zustimmung hagelte es wie nicht anders zu erwarten – auch harsche Kritik. Jedoch nicht nur von Forscherkollegen oder Medizinern (sondern ebenso in »bewährter Weise« von halbwissenbewehrten mediengeilen selbsternannten Ethikexperten mit mehr oder weniger politischem oder klerikalem Hintergrund). Und so werden Horrorszenarien an die Wand gemalt, die nur noch bedingt mit den Konsequenzen der neuen britischen Gesetzgebung zu tun haben!
Ich mag mich daher hier nur auf einige wenige Zitate eschränken, die eher den moderaten Befürwortern zuzuordnen sind.

Die TAZ bemüht per Interview den Kölner (Stammzell-)Forscher Jürgen Hescheler, der sich u. a. zu den »schwarzgemalten« Chimären, Frankensteinmonstern, Zwittern« so äußert:

»Jürgen Hescheler: Zunächst handelt es sich nicht wirklich um Zwitterwesen. Man pflanzt zwar menschliches Erbgut in Eizellen etwa von Kühen ein, doch aus den tierischen Zellen wird der Zellkern und damit der größte Teil des genetischen Materials zuvor entfernt. Sie dienen nur als Vehikel, in denen dann menschliche Stammzellen wachsen. Menschliche Eizellen von Frauen sind dafür zu knapp. Bei Kühen fallen bei Routineuntersuchungen hingegen große Mengen an.

Wofür braucht man die gezüchteten Zellen denn genau?

Man kann auf diese Weise Gewebe schaffen, das genetisch identisch ist mit dem des Patienten. Das wird nicht abgestoßen und kann defekte Gewebe ersetzen, etwa im Herzen.

Hätten Sie diese Möglichkeit auch gern hierzulande?

In Deutschland setzen wir beim therapeutischen Klonen meist auf einen anderen Weg, der in Japan entwickelt wurde: Hier in Köln arbeiten wir daran, erwachsene Zellen so umzuprogrammieren, dass daraus ebenfalls jede Gewebeform gezüchtet werden kann. Welche Technik sich am Ende durchsetzen wird, kann man noch nicht sagen.

Außerdem ist es in Großbritannien künftig auch erlaubt, »genetisch passende« Geschwisterkinder zu erzeugen. Wozu ist das gut?

Um bei bestimmten Krankheiten passende Spender zu haben. Bei manchen Formen von Leukämie etwa sind genau kompatible Knochenmarkspender nötig, die oft schwer zu finden sind. In solchen Fällen könnten Eltern jetzt ein passendes Kind bekommen. Bei einer künstlichen Befruchtung werden ohnehin mehrere Eizellen befruchtet. An den dabei entstehenden Vor-Embryonen kann man dann bestimmte genetische Merkmale überprüfen und das am besten passende einpflanzen. …«

DER STANDARD (Österreich) schreibt von
Ablehnung aus Ignoranz:

»Wissen ist Macht, Nichtwissen macht auch nichts.« Diese Sponti-Verkehrung eines der Leitsprüche der Aufklärung scheint leider auch die Haltung der Österreicher in Sachen Wissenschaft und Technologie auf den Punkt zu bringen. Erst vor wenigen Tagen zeigte sich bei einer internationalen Vergleichsstudie, dass unsere Landsleute besonders wenig über die Forschung an Stammzellen wissen, diese aber umso heftiger ablehnen.

Entsprechend fallen nun auch die hiesigen Reaktionen auf das neue britische Gesetz aus, das die Herstellung von Mensch-Tier-Zellen für Forschungszwecke ab 2009 erlaubt. Über Parteigrenzen hinweg kam Kritik am Gesetz, die freilich – rein inhaltlich betrachtet – nicht allzu qualifiziert ist, aber wohl dem nicht allzu informierten Ressentiment weiter Teile der Bevölkerung entspricht. Die Grüne Eva Glawischnig und Michael Spindelegger von der ÖVP forderten im Einklang, dass ethische Grenzen nicht überschritten werden dürfen, Spindelegger ergänzte, dass „embryonale Stammzellforschung eine unzulässige Verzweckung menschlichen Lebens“ bedeute. Und die katholische Kirche spricht überhaupt von einer gefährlichen „Frankenstein-Wissenschaft“. Kritisiert wird, dass rein menschliche embryonale Stammzellen noch nie für eine Therapie eingesetzt worden sind.

Dazu ist zu sagen, dass die neue Methode gerade eine Instrumentalisierung des weiblichen Körpers vermeidet, da sie ohne menschliche Eizellen auskommt. Und Therapieerfolge sind – wie fast immer in der Medizin – erst nach langjähriger Grundlagenforschung möglich: für die es in dem Fall (noch) embryonale Stammzellen braucht.« (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22. 5. 2008)

 
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Stammzellenforschung im Labor von Gabriela Cezar, assistant professor of animal sciences (Photo: Jeff Miller, University of Wisconsin)

Betrachtet man das Ganze halbwegs realistisch und vorurteilsfrei, ist festzuhalten, dass mit der bisherigen und heutigen »Lizenz zum Klonen« in England bisher erfolgreich lediglich sogenannte Zellhaufen (Morula) gezüchtet wurden (und werden sollen), die bisher 3 Tage am Leben blieben (die nächsten sind mit 6 Tagen Lebenszeit geplant, maximal sind 14 Tage geplant). Hier zeigt sich jedoch die teilweise verbreitete Doppelmoral in unserer Gesellschaft, die ja auch einen § 218 akzeptiert (den ich i. ü. wie viele andere befürworte) und Abtreibung bis zur 12. Woche erlaubt.
Stammzellenforschung ist und bleibt ein sensibles Thema, das aber weniger plakativ diskutiert gehört. Der mögliche Nutzen kommender Forschungsergebnisse sollte nicht nur für Betroffene Grund genug für eine Akzeptanz der Nutzung von Stammzellen sein. Horrorszenarien mit »ausgewachsenen Chimären« kann man getrost Hollywood üerlassen. Die können das ausdrucksstärker.

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