Hängen Hypertoniker künftig nur noch an der Nadel?
Das Szenario nach ersten Studien zu einem Impfstoff klingt fast zu forsch um wahr zu sein: Viele der großen Publikumszeitschriften bzw. deren Onlineableger übertreffen sich mit Titeln, wie »Hoffnung für Millionenen«, »Lebenslanger Schutz durch Impfung« etc. pp. … Statt mehreren blutdrucksenkenden Medikamenten mit etlichen Nebenwirkungen pro Tag, die auch alles andere als billig sind, lassen sich Bluthochdruckpatienten künftig (und hier landen wir beim positiven Sinn von »NUR NOCH an der Nadel hängen«) nur noch einmal pro Halbjahr oder vielleicht auch deutlich seltener – eine Spritze verpassen. Eine solche Impfung (derzeit in der Klinischen Forschung) gegen Bluthochdruck soll im günstigsten Fall die (nach Wochen oder Monaten oft vergessene) Einnahme von blutdrucksendenden Tabletten ganz oder teilweise überflüssig machen. Bereits vor 5 Jahren wurde von britischen Forschern auf der Jahrestagung der amerikanischen Hochdruckgesellschaft ein Impfstoff gegen Bluthochdruck angekündigt. Im letzten und diesem Jahr nun, wurden erste vielversprechende Ergebnisse Klinischer Studien in Deutschland bekannt, u. a war auch die Berliner Charité beteiligt. Derzeit hat die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) die Federführung einer neuerlichen Studie mit ca. 80 Patienten inne. Der Impfstoff einer Schweizer Biotech-Firma könnte nach Einschätzung der Forscher schon 2012 verfügbar sein. Die laufende Studie sei auf ein Jahr angelegt, sagte Forschungsleiter Jan Menne bei MDR Info. Vorausgesetzt die Ergebnisse seien positiv, werde es noch einmal zwei bis drei Jahre dauern, bis der Impfstoff routinemäßig eingesetzt werden könne. Bei der jetzigen Studie wird mit höheren Dosierungen als bisher gearbeitet, um zu prüfen, ob die Impfung auch über ein halbes Jahr hinaus effektiv bleibt. Der Impfstoff besteht aus einem virusähnlichem/virusverwandtem »Baustein«, der auf seiner Oberfläche viele Angiotensin-II-Moleküle trägt. Dieses Eiweißmolekül (Angiotensin) reguliert eigentlich den Blutdruck, indem es die Blutgefäße verengt und so den Blutdruck steigen lässt. Da aber nach der Impfung das Immunsystem der Probanden gegen den Impfstoff Antikörper bildet, sinkt die Aktivität des Angiotensin II ebenso wie der Blutdruck. Bisherige Ergebnisse auch aus den vorangegangenen Studien, sind durchaus vielversprechend: So sank der Blutdruck in den behandelten Gruppen um 5,6 mmHg systolisch und 2,8 mmHg diastolisch niedriger als in Placebogruppen. Am stärksten fiel der Blutdruck übrigens in den Morgenstunden (25/13 mmHg) – zu einer Tageszeit also, in der Schlaganfälle und Herzinfarkte bei Menschen mit Bluthochdruck am häufigsten stattfinden.
Der »Focus« schreibt bzw. interpretiert seine Recherchen u. a. wie folgt: »Für Dicke ungeeignet! Kritiker sehen in der permanenten, unumkehrbaren Unterbrechung der hormonellen Blutdruckregulierung eine mögliche Gefahr. Angiotensin sorgt bei extremem Wasser- oder Salzmangel dafür, dass genug Druck in den Blutgefäßen herrscht. Durch die Impfung würde dieses Notfallsystem ausgehebelt. Wie sich die Impflinge also in der Wüste behaupten würden, ist ungewiss. Sorge bereitet auch, wie sich die Impfung bei einem Kreislaufkollaps, etwa durch massiven Blutverlust nach einem Unfall, auswirkt. Bis diese Fragen durch Studien geklärt sind, kommt die Impfung daher nur für ansonsten gesunde Hypertoniker in Frage. Auch für Übergewichtige könnte die permanente Drucksenkung gefährlich sein – denn wenn es ihnen gelänge abzunehmen, würde ihr Druck dann noch weiter, vielleicht zu weit, sinken.«
»Eine Impfung gegen Bluthochdruck statt Tabletten ist ein sehr interessanter Therapieansatz und würde sich sehr positiv auf die Therapietreue auswirken«, zitiert das Hamburger Abendblatt Dr. Siegfried Throm, Forschungschef des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller. »Aber zunächst sind natürlich die Ergebnisse der klinischen Studien abzuwarten, ob diese Impfung gut wirksam und verträglich ist.«

