24. März – Welt-Tuberkulose-Tag
Wir haben nachfolgenden Artikel zwar schon im Februar als »nurText« gebracht, aber anlässlich des Welt-Tuberkulose-Tags stellen wir das heut gern noch einmal auf unsere Startseite als Topartikel. Es wird immer viel geredet, in der Politik, und abseits davon, die Politik in .de jedenfalls gibt 3x weniger pro Kopf im Vergleich zur USA für die Erforschung dieser Weltkrankheit aus …
Aber vielleicht wurde ja nun in Deutschland ein entscheidender Schrit für neue Tuberkulosemedikamente getan, ja auch mit staatlicher Förderung., aber lesen Sie selbst:
Völlig neuer Wirkstoff gegen Tuberkulose entwickelt
Jena – Ein völlig neuer Wirkstoff gegen Tuberkulose wurde am Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie – Hans-Knöll-Institut (HKI) – in Jena entwickelt. Er ist auch bei multiresistenten Erregern der Infektionskrankheit wirksam.
Die zur Gruppe der Benzothiazinone gehörende Substanz ist in der Lage, den Tuberkulose-Erreger Mycobacterium tuberculosis in Laborversuchen mit hoher Effizienz abzutöten. An infizierten Mäusen wurde außerdem nachgewiesen, dass der Wirkstoff die tödliche Krankheit heilen kann, ohne für die Tiere selbst schädlich zu sein.
Nach Jahrzehnten der erfolglosen Suche liegt damit ein neues Medikament zur Bekämpfung einer der größten Geißeln der Menschheit in greifbarer Nähe. Mit einem international operierenden Pharmaunternehmen aus den USA hat ein schlagkräftiger Industriepartner die Entwicklung des Medikamentes übernommen, der Teile der Entwicklung und Produktion mit einem Tochterunternehmen in Jena durchführen wird. Damit können Arbeitsplätze in Jena gesichert und neugeschaffen werden. Nach Sicherung einer Exklusivlizenz für die Nutzung und Vermarktung des Wirkstoffes stehen nun zunächst umfangreiche Untersuchungen an, um die Wirksamkeit ausgewählter Substanzen in Tierversuchen und am Menschen prüfen.
Entdeckt wurde der Wirkstoff vom Team um Dr. Ute Möllmann am HKI. In enger Kooperation mit dem Chemiker Dr. Vadim Makarov aus Moskau gelang ihnen in jahrelanger akribischer Arbeit die Isolierung und Optimierung einer Substanz, die Mykobakterien mit hoher Spezifität abtötet. Ausgehend von einer bestimmten Grundstruktur synthetisierte Dr. Makarov während wiederholter Gastaufenthalte am HKI eine Vielzahl neuer Varianten des Moleküls.
Frau Dr. Möllmann analysierte die antibiotische Aktivität dieser Substanzfamilie in sogenannten Bioaktivitäts-Assays. Mit diesen Testverfahren kann unkompliziert und schnell geprüft werden, ob eine bestimmte Substanz für weitergehende Untersuchungen in Frage kommt oder nicht. Die Tests lieferten schließlich – basierend auf jahrzehntelangen Erfahrungen Möllmanns in der Antibiotika-Forschung – den entscheidenden Hinweis auf die neue Substanzklasse. Das Molekül wurde daraufhin von Dr. Makarov chemisch analysiert und synthetisiert. Es übertraf schließlich die optimistischen Erwartungen der beteiligten Forscher. Die Substanz ist nicht nur gegen den Tuberkulose-Erreger selbst hochwirksam, sondern auch gegen die besonders gefährlichen Antibiotika-resistenten Varianten, die sich zunehmend verbreiten und eine Therapie bisher praktisch unmöglich machten.
Die vertiefte wissenschaftliche Untersuchung der Substanz erfolgt nun gemeinsam in dem von Prof. Stewart Cole koordinierten europäischen Projektverbund NM4TB (»New medicines for tuberculosis«). Prof. Cole ist nach langjähriger Forschung am Pariser Institut Pasteur nun Direktor des Global Health Institute in Lausanne. Inzwischen konnte gezeigt werden, dass die Benzothiazinone einen völlig neuen Angriffspunkt bei den Tuberkulosebakterien treffen.
Für Prof. Axel Brakhage, Direktor des HKI und Lehrstuhlinhaber an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, bestätigt die Entdeckung des neuartigen Antibiotikums den wissenschaftlichen Kurs des Hans-Knöll-Instituts:
»Anknüpfend an die mit Hans Knöll begonnene, äußerst erfolgreiche Tradition des Instituts widmen wir uns weiterhin mit neuesten Methoden der Naturstoff-Forschung und der Wirkstoff-Entwicklung. Durch die deutliche Verstärkung der Infektionsbiologie verstehen wir heute weitaus besser, wie Krankheitsprozesse ablaufen und welche molekularen Mechanismen daran beteiligt sind. Auf diese Weise gelingt es uns, neue Angriffspunkte für künftige Medikamente zu identifizieren und maßgeschneiderte Wirkstoff-Kandidaten zu synthetisieren. Wir freuen uns riesig, dass Frau Dr. Möllmann zum Abschluss ihrer beruflichen Laufbahn ein solch außerordentlicher wissenschaftlicher Erfolg zuteil wurde. Er beruht auf unermüdlichem Forscherdrang, intensiven Kooperationen mit Fachkollegen in aller Welt und einer guten Portion Durchhaltevermögen in den schwierigen Phasen der wissenschaftlichen Arbeit«.
Die Tuberkulose ist auch heute noch eine der gefährlichsten Infektionskrankheiten der Welt. Jährlich sind ca. 2,5 Millionen Todesopfer zu beklagen. Die auch als »weißer Tod« bezeichnete Krankheit tritt vor allem in den armen Regionen der Erde auf. Ihre Ausbreitung wird durch schlechte Wohnverhältnisse, hohe Personendichte, mangelhafte hygienische Zustände und unzureichende Ernährung begünstigt.
In den Industriestaaten hat die Tuberkulose vor allem als Folgekrankheit bei HIV-Infizierten und AIDS-Patienten, aber auch durch Migration und Tourismus, eine Renaissance erfahren. Eine besondere Zellwandstruktur der Erreger ist dafür verantwortlich, dass bisher nur wenige Medikamente existieren, die eine Infektion wirksam zurückdrängen können. Dabei ist eine mehrmonatige Behandlung mit einer Kombination aus bis zu vier verschiedenen Arzneistoffen erforderlich.
Vor allem für die Entwicklungs- und Schwellenländer werden dringend hochwirksame, billig zu produzierende Medikamente benötigt, die auch unter extremen klimatischen Bedingungen unkompliziert angewendet werden können. Ein besonderes Problem stellen die sogenannten multiresistenten Mykobakterien dar, denen die heute verfügbaren Antibiotika nichts mehr anhaben können und die sich weltweit rasant ausbreiten.
Der am HKI gefundene Wirkstoff könnte einen Ausweg aus diesem Dilemma bieten. Die Substanz greift an einer anderen zellulären Struktur an, als alle bekannten Tuberkulosemedikamente.
Weitere Informationen:
http://www.hki-jena.de

